DSH März 2004

Sprachenzentrum der TU Dortmund —
Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache

Gefährliche Mahlzeiten: Ernährung und Verhalten

Können Aggressivität, Unruhe oder Lernschwächen durch eine falsche Ernährung ausgelöst werden? Kann sich dagegen eine gesunde Ernährung positiv auf das Verhalten auswirken? Und warum essen die Menschen eigentlich so viele ungesunde Sachen? Dies sind die Ausgangsfragen für den folgenden Vortrag.
Beginnen wir mit dem Einfluss unserer Ernährung auf unser Verhalten.

"Wir unterschätzen, wie wichtig die Ernährung für unser Verhalten ist", lautet der Standpunkt britischer Wissenschaftler, die sich zur Aufgabe gemacht haben, nach wenig beachteten Ursachen für Kriminalität zu suchen. In einem Experiment haben diese Wissenschaftler versucht ihre Behauptung zu beweisen: In einem englischen Jugendgefängnis verteilten sie an jeden zweiten Insassen täglich eine Mischung aus Vitaminen und Mineralstoffen. Die andere Hälfte der Gefangenen erhielt hingegen ein sogenanntes Scheinmedikament ohne diese Zusatzstoffe. Das Ergebnis dieser Studie ist erstaunlich: Nach neun Monaten war die Gruppe, die die Zusatzstoffe erhalten hatte, deutlich seltener wegen aggressiven Verhaltens aufgefallen, außerdem beging sie weniger schwere Verstöße gegen die Gefängnisordnung.

Die Forscher überlegen jetzt, diese Studie auf andere Bereiche der Gesellschaft auszudehnen. Warum soll, was im Gefängnis wirkt, nicht auch in der Schule funktionieren. In den USA, wo seit mehr als 20 Jahren über den Zusammenhang von Ernährung und sozialem Verhalten geforscht wird; teilen bereits einige Schulen zusätzliche Nährstoffe in Form von Tabletten aus. Dadurch soll nicht nur die Gesundheit und Lernleistung der Jugendlichen verbessert werden, sondern man will auch die Zahl der Schlägereien und Sachbeschädigungen an der Schule verringern.

Aber Zusatzstoffe in der Nahrung können nicht nur positiv auf das Verhalten der Menschen wirken, sondern auch genau das Gegenteil bewirken. Solche Zusatzstoffe findet man häufig als künstliche Farbstoffe oder Konservierungsmittel, besonders in Fertigprodukten und sie wirken sich äußerst negativ auf die Psyche des Menschen aus. So haben z.B. australische Forscher erst kürzlich nachgewiesen, dass ein besonderes Konservierungsmittel für Brot bei Kindern heftige Stimmungsschwankungen, Nervosität, Schlafstörungen und Unaufmerksamkeit auslösen kann.

Aufsehen erregte im Mai 2003 ein Versuch an einer Schule in Südengland. Dort wurde 14 Tage lang auf die Beigabe von künstlichen Zusatzstoffen im Schulessen verzichtet. Die in den Klassen darauf folgende Ruhe und Lernbereitschaft nahmen so erstaunlich zu, dass die Forscher sich entschlossen, einen weiteren Versuch durchzuführen. Dafür wählte man das fünfjährige Zwillingspaar Michael und Christopher Parker aus, das auch bereits an der ersten Studie teilgenommen hatte. In dem neuen Versuch überwachte man zwei Wochen lang die Ernährung der beiden Brüder, deren Intelligenz und Temperament sehr ähnlich waren. Während dieser Zeit bekam einer der beiden Jungen Nahrung, die völlig ohne künstliche Zusatzstoffe zubereitet war. Das Ergebnis der Studie war, dass der gesund ernährte Junge nicht nur ruhiger und ausgeglichener erschien, sondern bei Intelligenztests plötzlich um 15 Prozent besser abschnitt als sein Zwillingsbruder.

Außer diesen künstlichen Zusatzstoffen können sich aber auch ganz natürliche Nahrungselemente negativ auswirken. So besteht z.B. die Vermutung, dass Zucker abhängig macht. Biologen von der Princeton-Universität in New Jersey konnten mit modernsten Methoden nachweisen, dass Ratten zu zittern begannen und nervös wurden, wenn man ihnen ihre tägliche Zuckerration entzieht.

Ich komme nun zum zweiten Teil meines Vortrags, in dem ich versuche Antworten auf einige ungeklärte Fragen zu geben. Es stellt sich z.B. die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Menschen "Lebensmittel" essen, die nicht gut für ihre Gesundheit sind; sondern sie gefährden. Warum ernähren wir uns von Lebensmitteln mit Zusatzstoffen, die uns nicht nur schaden, sondern uns darüber hinaus dazu bringen, an der ungesunden Wahl festzuhalten? Eine mögliche Antwort kann hier die Evolutionsbiologie liefern:
Denn die Grundlagen für unser Essverhalten sind sehr früh entstanden. So war es vor Tausenden von Jahren in der Steinzeit durchaus richtig, die süßeste Frucht zu pflücken, sobald sie reif war. Unsere instinktive Begierde nach Zucker, Fett und Salz stammt also aus Zeiten, in denen es darauf ankam, augenblicklich zuzugreifen, gelegentlich sogar mehr als im Moment notwendig zu essen, um sich Reserven für schlechtere Zeiten anzulegen. Der Grund liegt darin, dass begehrte Speisen in der Frühzeit der Menschheit schnell verbraucht waren. Häufig musste sogar um sie gekämpft werden.

Heute dagegen reagiert die Lebensmittelindustrie auf wachsende Nachfrage mit Massenproduktion. Früher mussten die Menschen ihre Nahrung suchen, jetzt sucht die Nahrung uns. So wird der westliche Durchschnittsbürger heute etwa 20 Mal am Tag mit dem verführerischen Anblick leckerer Speisen konfrontiert. Jeder Supermarkt lockt mit solchen Reizen: Gegenüber Apfeltorten aus Zucker, Sahne und Eiern verlieren einfache Äpfel ihren natürlichen Reiz. Gegen Kartoffel-Chips, die durch Fett, Salz und Geschmacksverstärker an die Sinne appellieren, haben gekochte Kartoffeln kaum eine Chance.

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Fragen und Aufgaben zum Hörtext:

1.    Beschreiben Sie den Ablauf und das Ergebnis der englischen Gefängnisstudie. (3-4 Sätze).
   
2. Zu welchem Zweck teilen in den USA einige Schulen zusätzliche Nährstoffe in Tablettenform aus? (Stichwörter)
   
3.

Australische Forscher konnten erst kürzlich den Nachweis erbringen, dass ein spezieller

Konservierungsstoff für Brot _______________________________________________________________

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4. Worauf verzichtete man bei einem Schulversuch in Südengland und welchen Einfluss hatte dies auf die Schüler? (2-3 Sätze)
   
5. Beschreiben Sie ausführlich den Folgeversuch an der südenglischen Schule mit dem Zwillingspaar Michael und Christopher Parker. Welches Ergebnis zeigte dieser Versuch? (3-4 Sätze)
   
6. a

Welche negative Wirkung kann das natürliche Nahrungselement Zucker haben?

Es kann ______________________________________________________________________________

   
6. b Wodurch konnten Biologen diese Wirkung nachweisen? (1-2 Sätze)
   
7. Wodurch war laut Evolutionsbiologen das Essverhalten in der menschlichen Frühzeit gekennzeichnet?
 

In der Frühzeit der Menschheit aß man manchmal mehr als im Moment notwendig, um

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Denn ________________________________________________________________________________

Und oft _______________________________________________________________________________

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Lösungen